Nachfolgend finden Sie in chronologischer Reihung die Abstracts zu den einzelnen Vorträgen der Tagung.
Following the abstracts of the talks at the coming conference.

(Stand: 28.02.2013)

 

Prof. em. Dr. Dr. h.c. Karl-Heinz Ladeur (Hamburg)
Warum über die Sprache des Rechts sprechen?
/ Why talk about the language of law?

Das Verhältnis von Normativität und Faktizität im Recht ist in der "Gesellschaft der Individuen" durch eine auf die Erhaltung der Einheit des Texts zielende Methode des "Verstehens" des Gesetzes einerseits und die Referenz auf die Selbststabilisierung der Faktizität (und ihrer Beschreibung) durch Normalitätsannahmen ("ordentliche Erziehung", Schadensgrenze) und Vermutungs- oder Wissensregeln über die Relevanz von Tatsachen, Kausalitätsannahmen (sowie ihre Unterscheidung von "Zufällen") und ihre Beweisbedürftigkeit andererseits bestimmt worden.

Die Praxis der Anwendung von Regeln wird unter den Bedingungen der Postmoderne mehr und mehr dadurch neu codiert, dass insbesondere (aber nicht nur) die Grundrechte an die Faktizität des Politischen und Sozialen gekoppelt und dadurch historisch werden (M. Gauchet): Regel und Regelanwendung werden miteinander verschleift. Das bedeutet u. a., dass die explizite Rechtsetzung als formale Institution selbst mehr und mehr an Bedeutung einbüßt (und damit auch die tradierte Hermeneutik). Statt dessen entwickelt sich eine relationale Rationalität der Verkettung von Entscheidungen und der situativen Verknüpfung von Rechtsnormen und fragmentierten sozialen Normen (durch "Güterabwägung"), über die ein Spezialwissen jenseits der distribuierten Erfahrung prozessiert wird ("Stand der Technik", nicht mehr die "allgemein anerkannten Regeln der Technik"). Nicht zuletzt für die Beobachtung dieses Wandels und für die Suche nach rationalisierenden Metaregeln bedarf es der Untersuchung der sprachlichen Praktiken, in denen das für das Recht relevante Wissen erzeugt wird. Die Fruchtbarkeit von St. CavellsUntersuchungen des "Gewöhnlichen" ("ordinary") sollte für diese Zwecke erprobt werden.

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Prof. em. Dr. Ludwig Jäger (Aachen)

Zur Transkriptivität des Rechts. Einige unvorgreifliche Überlegungen

Der Vortrag versucht ein theoretisches Problem, das in den letzten Jahren im Rahmen der Rechtslinguistik fokussiert worden ist, in einer transkriptionstheoretischen Perspektive zu diskutieren. Dabei wird es weniger um einen eigenen rechtslinguistischen Beitrag gehen, als darum, mit den Mitteln der Transkriptionstheorie einen zentralen medien- und semantiktheoretischen Diskussionsgegenstand in den Blick zu nehmen: die Frage nämlich, ob Rechtsquellen unabhängig von den Verfahren ihrer Auslegung bereits Bedeutung zugeschrieben werden kann oder ob ihnen diese erst im Zuge dieser Verfahren zukommt. Nicht wenige Partizipanten des rechtslinguistischen Diskurses haben die These vertreten, dass in der Rechtsprechung nicht eine vorgängige Rechtssemantik lediglich angewendet, sondern dass diese vielmehr im Verfahren selbst erst erzeugt werde. Der semantische Gehalt von Rechtsquellen sei – so die These – nicht im Sinne einer ›Aufbewahrungs-Metapher‹ (Felder) in diesen in der Form eines ›objektiven Sinns‹ bereits enthalten, derart, dass er den jeweiligen Zugriffen ›unangetastet‹ und ›selbstidentisch‹ zur Verfügung stünde (Christensen, Lerch). Er werde vielmehr in einem gewissen Sinne erst im Zug der im Rechtsverfahren geleisteten ›Semantisierungsarbeit‹ konstituiert (Müller, Christensen, Sokolowski). Der Vortrag wird zu erörtern versuchen, inwieweit sich diese These, die sich mitunter zu ihrer Fundierung auf transkriptionstheoretische Argumente beruft, halten lässt und inwieweit sie modifiziert werden muß. Zugleich soll gezeigt werden, dass sich in der rechtssemantischen Frage ein allgemeineres Problem der kulturellen Semantik verbirgt.

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Dr. Sabine Müller-Mall (Berlin)
Performativität und Recht: Rechtserzeugung in der Sprache
/ Performativity and Law: Generation of Legal Normativity as Language Procedure

Wie lässt sich Rechtserzeugung als Vorgang in der Sprache beschreiben? In meinem Vortrag werde ich versuchen, eine Perspektive darauf einzunehmen, die an der sprachlichen Form desselben anknüpft: was sind die Bedingungen dafür, in der Sprache überhaupt etwas zu erzeugen, und in welcher Hinsicht können solche Bedingungen in Bezug auf die Erzeugung positiver Rechtsnormen bedeutsam sein? Insbesondere wird zu sehen sein, dass der Begriff der Performativität produktiv sein könnte, um Vorgänge der Rechtserzeugung zu beschreiben. Allerdings, das wird sich zeigen, bringt ein Verständnis von Rechtserzeugung als performativem Vorgang auch ein rekursives Verständnis von Normativität mit sich. Normen können nach einem Modell performativer Rechtserzeugung nicht präskriptiv ‚wirken’, sondern lediglich in der Zukunft re-iteriert und dadurch erst erzeugt werden. Normativität erweist sich so als gewissermaßen passives, rekursives Konzept – Normativität ist damit nicht die Folge eines bestimmten Rechtserzeugungsereignisses, sondern das Ergebnis einer Praxis, die im Zeitpunkt ihrer Erzeugung noch nicht abgeschlossen ist.

How can we describe the generation of legal normativity as language procedure? The perspective I am taking on the process of law generation concentrates on the language form of this process: what are the conditions for generating anything in language at all, and in what way could these conditions be meaningful in relation to the generation of legal normativity? In my lecture, I am going to outline in what sense the concept of performativity might be productive for a description of the generation of legal norms. As we will see, to understand the generation of legal norms as a performative procedure means to understand normativity as a phenomenon we can only describe in a recursive way. According to a model of performative law generation, norms do not instantly become effective as prescriptive entities, but they are merely possible subjects of future re-iteration which makes them come into existence in the first place. Thus, normativity proves to be a passive concept. Normativity is not the sequel to a certain event of law generation, but the result of a practice which is not completed in the moment of its generation.

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Prof. Dr. Martin Morlok (Düsseldorf)
Intertextualität und Hypertextualität im Recht

Die Arbeit des Juristen ist durch und durch intertextuell: Er bezieht Texte auf andere Texte und erstellt so einen neuen Text, typischerweise die Begründung einer Entscheidung. Diese Sichtweise der juristischen Arbeit ist der Jurisprudenz wenig geläufig.

Rechtstexte sind in bestimmter medialer Gestalt gegeben, welche den Umgang mit diesen Texten präformiert. Herkömmlich erfolgt die juristische Arbeit unter Bedingungen begrenzter Zugänglichkeit relevanter – gedruckter – Bezugstexte – worauf die Praxis sich einstellte. Mit der Digitalisierung fällt diese Restriktion weg, ebenso ist die Zugriffsgeschwindigkeit sehr viel höher, auch die Verknüpfungsfähigkeit ist mit der Verlinkung stark vereinfacht. Es stellt sich tendenziell eine sofortige Gleichverfügbarkeit aller erheblichen Texte ein. Das hat mutmaßlich positive wie negativ zu bewertende Folgen. Der Sättigungsgrad juristischer Begründungen dürfte steigen, umgekehrt ist mit einer Tendenz zum argumentum ab auctoritate zu rechnen, auch mit einer Vernachlässigung des Einzelfalles.

Jedenfalls ist die Herausbildung neuer Arbeitstechniken zu erwarten und zu fordern – und zwar insbesondere auch deswegen, weil es hier um die Funktionsmodi der Interpretationsgemeinschaft geht, welche die Bedeutung der Rechtsnorm letztlich festlegt.

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Prof. Dr. Dietrich Busse (Düsseldorf)

Frameanalytische Zugänge zu juristischer Semantik

Der Vortrag soll der Frage nach dem Nutzen frame-semantischer Verfahren im Rahmen der juristischen Semantik nachgehen. Nach einleitenden grundsätzlichen Überlegungen zu Fragen wie: "Warum Frame-Semantik?" und "Was ist Frame-Semantik?" soll in größtmöglicher Knappheit auf Unterschiede zwischen verschiedenen Frame-Modellen (bzw. Modellen der semantischen Frame-Analyse) ebenso eingegangen werden wie auf für die praktische Analyse wichtige Ebenen, Elemente und Aspekte von (semantischen bzw. konzeptuellen) Frames. Im zweiten Teil des Vortrags soll dann ein Bericht aus ersten praktischen Erfahrungen in der Umsetzung der Frame-Analyse anhand von Rechtsbegriffen des Deutschen im Mittelpunkt stehen. Diese ersten Erfahrungen sollen in Hinblick auf den Nutzen frame-analytischer Zugänge zu juristischer Semantik hin befragt werden. Leistungen und Grenzen einer Frame-Semantik werden abschließend knapp erörtert.

The talk brings into focus the advantage of frame-semantic tools for the semantic analysis of legal concepts. After answering questions like "Why frame-semantics?" and "What is frame-semantics?" some differences between the main types of frame-approaches are mentioned as well as the most important levels, aspects and elements of semantic or conceptual frames concerning the empirical analysis of frames. The second part of the talk shall concentrate on first experiences in the frame-semantic analysis of German legal concepts. Benefits and limits of frame-semantic work as a tool of legal semantics shall be discussed.

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PD Dr. Karin Luttermann (Eichstätt-Ingolstadt)

Linguistisch-pragmatische Zugänge zur Rechtssemantik
/ Linguistic-pragmatic approaches to legal semantics

Die moderne Linguistik erfasst Sprache in drei Richtungen: Herkunft, System und Gebrauch. Der Vortrag behandelt den Sprachgebrauch im Recht. Mit dem Rechtslinguistischen Verständlichkeitsmodell wird mehrperspektivisch an ausgewählten Textbeispielen Rechtssemantik auf Verständlichkeit für ihre Adressaten hin untersucht. Dabei geht es um Handlungskontext und den Empfängerhorizont. Im Vergleich der Bedeutungsexplikationen von Juristen und juristischen Laien werden kommunikative Aufgaben empirisch fundiert für interdisziplinäre Zusammenarbeit vor allem zwischen Linguisten und Juristen deutlich. Fachübergreifende Kooperation jenseits traditioneller Grenzen ist im zusammenwachsenden Europa geboten, wo materielles Recht zunehmend komplexer und in vielen Sprachen formuliert wird.    

Modern linguistics studies languages in three dimensions: origin, system and use. This paper deals with language use in the legal domain. Making use of the Comprehensibility Model of Legal Language, I will investigate legal semantics with regard to its comprehensibility for the addressees from multiple perspectives (with the theory pattern, the empirical pattern, the results pattern und the comparison pattern). Of utmost importance here are the context and the so-called horizon of the recipient. The comparison of the semantic explications of legal experts and legal lay persons highlights empirically founded communicative tasks for interdisciplinary cooperation in particular of linguists and legal experts. Cooperation transcending traditional disciplinary borders is necessary while Europe grows together, causing material law to be formulated in an ever more complex way and in many languages.

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Stephanie Thieme (Leiterin Redaktionsstab Rechtssprache beim BMJ) und
Dr. Antje Baumann (BMJ, Sprachbüro)
Allein unter Legisten? Der andere Blick von Linguisten auf entstehendes Recht
/ Stuck with the lawmakers? The alternative view of linguists in the legislative process

Die deutsche Gesetzgebung wird häufig kritisiert: wegen unverständlicher Regelungsinhalte und der sog. Herrschaftssprache. Aufgrund der auch öffentlich beklagten Defizite wurde 2009 die Sprachprüfung als Teil der Rechtsprüfung neu organisiert. Seitdem prüft der Redaktionsstab Rechtssprache beim Bundesministerium der Justiz alle Gesetz- und Verordnungsentwürfe der Bundesministerien auf sprachliche Richtigkeit und Verständlichkeit. Dass Linguisten einen fremden Blick auf entstehendes Recht haben und andere Fragen stellen, ist gewollt – und verlangt von juristischen und anderen Fachleuten eine neue Art des Sprechens über Texte. Im Beitrag wird die Arbeit des Redaktionsstabs anhand von Beispielen vorgestellt, die die Vielfalt der Probleme, aber auch die Wirksamkeit der Sprachberatung zeigen.

Legislation in Germany is often criticised for its incomprehensible provisions and for employing a language that is only accessible to the elite. In 2009, as a result of (public) criticism of these shortcomings, the system of language checks carried out as part of the process of legal scrutiny was reorganised. Since then, the Unit for Legal Drafting Support at the Federal Ministry of Justice has been responsible for examining all acts and statutory instruments drafted by Germany's federal ministries, in order to ensure accuracy and comprehensibility. The fact that linguists approach legal texts as outsiders, and pose different questions, produces exactly the desired effect: It forces legal and other experts to talk about their drafts in a new way. Using examples which illustrate not only the diversity of issues that arise in this context, but also the positive impact that language checks have, we will provide an overview of the work undertaken by the Unit for Legal Drafting Support.

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Prof. Dr. Ekkehard Felder & Janine Luth M.A. (Heidelberg)

Diskurslinguistische Zugänge zur Rechtssemantik und Rechtspragmatik

Um die Komplexität rechtlich zubereiteter Sachverhalte linguistisch angemessen bearbeiten zu können, bedarf es intertextueller und diskursiver Analysemethoden, denn es liegt auf der Hand, dass die juristische Textarbeit aus weit mehr als Interpretationsvorgängen besteht. In dem Vortrag soll aufgezeigt werden, welche Möglichkeiten die Diskurslinguistik unter Einbeziehung der Korpuslinguistik für die Untersuchung rechtlicher Texte bereithält. Dies geschieht anhand des gesellschaftlich brisanten Themas der Sterbehilfe, bei dem die Diskursakteure bzw. Gruppen von Diskursakteuren in sprachlichen Aushandlungsprozessen ihre handlungsleitenden Konzepte in einem unübersichtlichen Themenfeld (z.B. aktive/passive Sterbehilfe) durchzusetzen versuchen. Ausgehend von diesem Diskursthema soll das Verfahren zur Bestimmung agonaler Zentren vorgestellt werden. Darunter verstehen wir konfligierende handlungsleitende Konzepte um die Akzeptanz von Ereignisdeutungen, Handlungsoptionen, Geltungsansprüchen, Orientierungswissen und Werten in Gesellschaften.
    
To process legal cases adequately with the tools of linguistics intertextual and discursive analyzing methods are needed. It is clear that legal work with texts is more than interpretation. The lecture aims to demonstrate which possibilities discourse linguistics and corpus linguistics offer to study legal documents. In this lecture the controversial issue of medically assisted suicide is chosen to demonstrate the work with these legal documents. Discourse participants try to implement their concepts (handlungsleitende Konzepte) in an unclear topic matter (eg. active/passive medically assisted suicide) through the use of language. With this matter as a starting point the lecture introduces the method of “agonale Zentren”. This method, as we understand it, contains conflicting concepts (handlungsleitende Konzepte) struggling for supreme acceptance in judging events, acting options, legal claims, guiding knowledge and social values.
 

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Jun.-Prof. Dr. Friedemann Vogel (Freiburg) & Stephan Pötters LL.M. (Bonn)
Der "Arbeitnehmer" aus dogmatischer und korpuslinguistischer Perspektive
/ The notion of "employee" in the perspective of corpus linguistics and German case law

Der Begriff des "Arbeitnehmers" ist der Schlüssel zur Tür des Arbeitsrechts. Wer "Arbeitnehmer" ist und damit Anspruch auf einen arbeitsrechtlichen Schutz geltend machen kann, wird seit jeher von der deutschen Rechtsprechung im Wege einer typologischen Betrachtung bestimmt. Klassischer Gegenbegriff zum "Arbeitnehmer" ist dabei der "Selbständige". Aber gibt es heute, in einer zunehmend technisierten und globalisierten Arbeitswelt, noch typische "Arbeitnehmer" und typische "Selbständige"? Der Vortrag geht dieser Frage sowohl aus rechtsdogmatischer als auch korpuslinguistischer Perspektive nach und erprobt die Möglichkeiten und Grenzen dieses interdisziplinären Zugriffs. 

The contract of employment was and is the key to entering the legal system of employment law. In German labour law, it is established case law that the notion of an "employee" has to be defined by using a typological approach. The employee is usually contrasted with self-employed persons. But is there really such a thing as a typical employee or a typical self-employed person, even today in our increasingly technological and globalised world? We would like to ponder this question from an interdisciplinary perspective, merging corpus linguistics and legal methods.

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Dr. Stephen C. Mouritsen (New York / USA)

Corpus Linguistics in US Courts: Toward a Non-Arbitrary Interpretive Regime

In their role as interpreters of legal texts, judges often employ heuristics known as canons of interpretation. Some of these canons reflect social or political commitments - in close cases, such canons allow judges to tip the scales of justice in one party’s favor in order to protect certain institutional values or individual liberties. Other canons are linguistically oriented—these are either received judicial beliefs about the way language actually works, or at the very least an inherited collection of linguistic rules of thumb for resolving lexical or structural ambiguities in legal texts.

These linguistic canons of interpretation were enshrined in U.S. jurisprudence long before their application could be subjected to empirical analysis. Recent criticism of the utility of linguistic canons has focused on their lack of predictive power and their potential for opportunistic use. If a judge can employ the same linguistic canon in order to justify either of two competing results, then the canon lacks predictive power and its use by the judge is arbitrary. Any judicial decision based on a linguistic assumption that cannot be tested against objective linguistic fact is arbitrary, and arbitrariness in any form rightfully undermines the public’s confidence in the judicial process.

Growing skepticism of judges’ ability to meaningfully apply linguistic canons of interpretation, together with the advent of large, principled and readily available electronic linguistic corpora, have opened the door for legal arguments about the meaning of legal texts based on observational linguistic data. What has already been called the "corpus revolution" is well underway in United States courts, and judges (including the justices of the United States Supreme Court) have already proven amenable to corpus-based arguments. What is more, judges have become their own lexicographers, gathering corpus-based linguistic data in camera. This corpus revolution promises to allow judges to reach decisions about the meaning of legal texts that are more consistent with linguistic reality and that are less arbitrary.

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Florian Kuhn M.A. (Potsdam)

Computerlinguistische Analyse zivilrechtlicher Entscheidungen auf Grundlage formaler Automaten
/ Automata based linguistic analysis of German legal

Die automatische Analyse juristischer Texte hat in jüngerer Zeit wertvolle Arbeiten aus den Bereichen des Data-Mining, der semantischen Ontologien und des Reasoning hervorgebracht. Computerlinguistische Ansätze zur Erschlieung jener Textgattung wurden insbesondere im Bereich des deutschen Rechts bislang vergleichsweise selten angewandt. Die hier vorgestellte Arbeit zielt auf die Inhaltsanalyse zivilrechtlicher Entscheidungen des deutschen Rechts mithilfe eines automatenbasierten Ansatzes, der zunächst linguistische Signi kanzen der Textsorte für eine Binnengliederung nutzten wird, die weiters für eine geplante Argumentationsanalyse genutzt werden soll. Die so gewonnenen Informationen können etwa Juristen bei der Textrecherche hilfreich sein oder an weitere maschinelle Verfahren übergeben werden.

The automatic analysis of legal texts has recently spread valuable work throughout the disciplines of data-mining, semantic ontologies and reasoning. However, approaches with background in computational linguistics have been rare, especially regarding German Law. The presented work aims at content-analysis of german private law decisions by means of an automata-based approach using signi cant linguistic text attributes for local structuring. In a future step, the latter will be used for argument analysis. The gained informations may help law experts or can be passed on to further automatic processing.

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Prof. Dr. Hans Kudlich (Erlangen-Nürnberg)

"Gerechtigkeit" in den Entscheidungen des Bundesgerichtshofs
/ "Justice" in the decisions of the German Federal Court of Justice (Bundesgerichtshof)

Das Gerichtsurteile möglichst gerecht sein sollten, liegt auf der Hand. Kann aber die Argumentation mit "der Gerechtigkeit" ein Mittel sein, um dieses Ziel zu erreichen? In dem Vortrag soll der Frage nachgegangen werden, wann, wie oft und in welchen Zusammenhängen der Bundesgerichtshof in seinen Entscheidungsbegründungen auf "die Gerechtigkeit" als abstrakte Größe (d.h. also nicht: auf "die gerechte Strafe", die "gerechte Risikoverteilung" etc.) rekurriert: Finden sich gegebenenfalls Häufungen der Verwendung in bestimmten Kontexten? Ist "die Gerechtigkeit" regelmäßig Bestandteil bestimmter Argumentationsmuster? Bildet "die Gerechtigkeit" den Ausgangs- oder den Endpunkt einer Argumentation? Lassen sich Unterschiede zwischen der Rechtsprechung der Straf- und der Zivilsenate beschreiben? Es geht also nicht darum, einzelne Entscheidungen auf ihren materiellen Gerechtigkeitsgehalt zu überprüfen, sondern zu untersuchen, wie auf der Textoberfläche mit dem Gerechtigkeitsbegriff gearbeitet wird.

It is obvious, that courts’ judgments should be as fair as possible. But can using "justice" as an argument be a way to achieve this goal? The lecture will address the question of when, how often and in what contexts the German Federal Court of Justice (Bundesgerichtshof) actually uses the argument of "justice" as an abstract quantity (ie not in phrases as "just punishment", "equitable risk-sharing", etc.): Are there clusters of using the "justice”-argument in certain contexts? Is "justice" regularly part of certain patterns of argumentation? Does "justice" constitute the source or the end point of an argumentation? Is it possible to describe differences between the jurisdiction of the criminal and civil divisions? In other words: The aim is not to check decisions on their substantive justice content, but to study, how the court works with the concept of justice in its texts.

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Dr. Jan C. Schuhr (Erlangen-Nürnberg)

Chancen, Risiken und Nebenwirkungen datenbankgestützter Kommentierung im Recht

Das Verhältnis zwischen juristischen Datenbanken und Kommentierungen ist vielschichtig. Heute ersetzen Datenbanken und in einigen Bereichen auch Experten- bzw. "juristische Textverarbeitungssysteme" im Alltag von Juristen nicht selten den Kommentar. Umgekehrt spielen Datenbankabfragen bei der Anfertigung von Kommentierungen eine wachsende Rolle, und der Kommentar muss in der Konkurrenz zur Datenbank gezielt einen Mehrwert bieten. All dies führt (jeweils in unterschiedlicher Weise) dazu, dass die Textkorpora und Recherchemechanismen der großen juristischen Datenbanken beträchtlichen Einfluss auf Entscheidungen gewinnen. Im Vortrag sollen einige mit dieser Entwicklung verbundene Chancen und Risiken bzw. Entwicklungsmöglichkeiten und methodischer Vorsorgebedarf skizziert werden. So reduzieren die Datenbanken zB. Selektionseffekte, die bislang durch die Auswahl der veröffentlichten Entscheidungen entstanden sind. Umgekehrt liegen gerade im wachsenden Fokus auf obergerichtliche Entscheidungen auch Gefahren für eine auf Gesetz und Systematik ausgerichtete Rechtskultur.

Legal databases and commentaries have a complex relationship. In every day work databases and application programs that support the preparation of legal texts increasingly influence their contents where a few years ago the author would have consulted a commentary. On the other hand database queries are instrumental for drafting a commentary. Moreover the commentator needs to provide a benefit over database information. As a result of all this database text corpora and query-mechanisms increasingly gain influence on legal decisions. The presentation shall sketch some chances and risks of this development - or rather development potential and need for methodological precautions. Eg. databases reduce selection effects that came with publishing only a relatively small share of all opinions. On the other hand the increasing focus on supreme and appellate court opinions bears dangers for a civil law culture centered on coded law and systematics.

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Der Vortrag versucht ein theoretisches Problem, das in den letzten Jahren im Rah-men der Rechtslinguistik fokussiert worden ist, in einer transkriptionstheoretischen Perspektive zu diskutieren. Dabei wird es weniger um einen eigenen rechtslinguisti-schen Beitrag gehen, als darum, mit den Mitteln der Transkriptionstheorie einen zentralen medien- und semantiktheoretischen Diskussionsgegenstand in den Blick zu nehmen: die Frage nämlich, ob Rechtsquellen unabhängig von den Verfahren ihrer Auslegung bereits Bedeutung zugeschrieben werden kann oder ob ihnen diese erst im Zuge dieser Verfahren zukommt. Nicht wenige Partizipanten des rechtslin-guistischen Diskurses haben die These vertreten, dass in der Rechtsprechung nicht eine vorgängige Rechtssemantik lediglich angewendet, sondern dass diese vielmehr im Verfahren selbst erst erzeugt werde. Der semantische Gehalt von Rechtsquellen sei – so die These – nicht im Sinne einer ›Aufbewahrungs-Metapher‹ (Felder) in diesen in der Form eines ›objektiven Sinns‹ bereits enthalten, derart, dass er den jeweiligen Zugriffen ›unangetastet‹ und ›selbstidentisch‹ zur Verfügung stünde (Christensen, Lerch). Er werde vielmehr in einem gewissen Sinne erst im Zug der im Rechtsverfahren geleisteten ›Semantisierungsarbeit‹ konstituiert (Müller, Christensen, Sokolowski). Der Vortrag wird zu erörtern versuchen, inwieweit sich diese These, die sich mitunter zu ihrer Fundierung auf transkriptionstheoretische Argumente beruft, halten lässt und inwieweit sie modifiziert werden muß. Zugleich soll gezeigt werden, dass sich in der rechtssemantischen Frage ein allgemeineres Problem der kulturellen Semantik verbirgt.